Was hat Bulgarien mit dem Gebrauchtwaren- und Kleinanzeigenmarkt zu tun?

Das Leben ging unbesorgt weiter und die Annäherung an der neuen zweiten Heimat ebenso. Die erste Heimat war als Nebenerscheinung und Reisedestination immer präsent. Wir wurden immer gefragt, ob es möglich wäre Privatquartieren in Varna zu vermitteln. Allerdings das Geschäftsmodel hat immer gewackelt und ging nie richtig auf. Der Sozialtourismus war noch eine kleine Knospe am großen Baum der gerechten Verteilung des Wohlstandes.

 

 

Für alle Beteiligten wurde es allmählich einfacher den Aufenthalt oder die schönste Zeit des Jahres im sonnigen Bulgarien, am Anfang öfters im Kollektiv später mehr auf eigenem Faust,  so angenehm wie möglich zu gestalten. Der DDR-Bürger sehnte sich nach liberalen, menschenwürdigen „Reisezustand“ ohne Genehmigungsverfahren und zusätzliche Hürden. Die behördlichen Schwierigkeiten von damals lösen heute meist starkes Kopfschütteln aus und die Stirn wird, in dem Sinne „Hatten sie alle Tassen im Schrank gehabt“, mit dem Zeigefinger unmissverständlich berührt. Was sollte auch einem DDR-Bürger die Frage nach Reisefreiheit? Da wurde er wohl kaum glauben, dass so ein Wort überhaupt existierte. Nicht nur er!

 

Urlaubsplätze im Ausland, Camping, Privatquartiere oder Hotel, waren Mangelware und daher schwer zu bekommen. Man musste sich, wenn keine Beziehungen und keine spendenden Verwandte im Westen vorhanden waren, rechtzeitig ohne zu zögern und trödeln, gleich früh um 7.00 Uhr vor dem Reisebüro einstellen und warten. Damit war  die Reise oder der Urlaub weder gebucht, noch im Detail organisiert. Reisen in der Ferienzeit an der Sonnenküste Bulgariens waren besonders beliebt, teuer und daher schwierig zu bekommen. Da versuchte mancher mit einem Päckchen Westkaffee oder Schokolade aus dem Inhalt des Westpakets seinem Urlaubswunsch bei der Betriebsleitung Nachdruck zu machen. Was tat man nicht alles um den organisierten Kollektivismus in Ferien im Ausland zu entgehen! Leider nicht immer mit Erfolg … oder man kaufte sich den Erfolg, mit viel Geld.

 

Die Alternative Nr.1. „Wir haben uns eine Zeltausrüstung angeschafft und jedes Jahr an der Ostsee gezeltet. Mit drei kleinen Kindern und dem „Felix“, unser Trabi, ins Ausland fahren und dort zelten war anstrengend und teuer.“ erinnert sich Frau N., Mutter dreier Kinder. Zeltausrüstung zu kaufen war auch keine leichte und billige Angelegenheit. Zelte, Gaskocher, Schlafsäcke,  Campingstühle etc. waren, durch die große Nachfrage, zum Teil gefragte „Bückware“ im Sportgeschäft geworden oder man konnte sie als Gebrauchtartikeln erwerben, an Freunden ausleihen und weiterverkaufen. Z. B.: „Steilwandzelt für 4 Personen, „Traumland – Luxus – petit“, 2 Kabinen, neuw., f. 800,-M zu verkaufen. Angebote unt. Ge 653 an DEWAG Gera.“

 

Alternative Nr. 2. wie Alternative Nr. 1. Fazit: Der Gebrauchtwaren-und Kleinanzeigenmarkt boomte.

Wie es schon erwähnt wurde, war der DDR-Bürger der größten Reisenden seiner Zeit. Aber wäre man vor 27 Jahren in westlicher Richtung über den Eisernen Vorhang gefahren, wäre man sofort an der Weiterreise gehindert worden, weil hier die angrenzenden staatlichen Gebilde feindlicher Natur waren. Man wollte es aber so gerne und hat sich richtig bemüht die „Mauern“ zu versetzen. Es dürfen dabei zwei wichtige Komponenten nicht vergessen werden: die alltägliche Überlebenskunst und die Fortbewegungsmittel selbst bestimmen zu wollen, obwohl die Reisewelt an der Schwarzmeerküste, in Varna oder Burgas endete. Wer dort seinen Urlaub verbringen dürfte, hatte entweder hoher Sozialstatus in der Gesellschaft, Beziehungen in der DDR-Gewerkschaften (FDGB) oder Tante im Westen, die die Reise über GENEX geschenkt hatte. Das Sprichwort: „Lieber Tante im Westen als Onkel im ZK der SED“ war, nicht ohne Grund, die meist verwendete Volksweisheit von der Ostseeküste, Kap Arkona, bis Thüringer Wald und Erzgebirge.

 

 

Eine Urlaubsreise nach Nessebar, Sonnen- oder Goldstrand war schon immer die klassische „Bückware“. Man musste sich rechtzeitig entscheiden wo der Familienurlaub verbracht werden sollte und einen Antrag bei der Betriebsleitung oder FDGB stellen. Für den Urlauber aus der DDR war Bulgarien einerseits ein sozialistisches, unbekanntes und fremdes Land, anderseits wollte er die reizvolle, südliche Lebenswelt kennen lernen und vor allem sie genießen. Fast jeder Tourist, männlicher Geschlecht, war der Meinung, dass „Süden-Sonne-Meer“ waren als Definitionen dem Überbegriff „die Sau richtig rauslassen“ gleichgestellt. Was zu Hause unsittlich war, war in Goldstrand, Sonnenstrand und Varna als „gehört dazu Benehmen“ betrachtet: nächtliches Saufen, Straßenkonzerte, heftiges Flirten am Strand und in der Disco, dreckige Privatquartiere und … und. Gott sei Dank, gab es auch andere Gäste, die regelmäßig wieder kamen, freundlich aufgenommen waren und beschäftigten sich mit Land und Leute auf einer anderen Art und Weise. Bulgarien sollte Griechenland, Italien und Spanien in einem für den DDR-Urlauber werden und dabei einen Hauch des südlichen Lebensstils verbreiten. Bunte Märkte, lautes Straßengeschehen, feurige Temperamente und fröhliches Dasein gehörten zum bulgarischen „Süd Bild“. So lautete die übliche Vorstellung.

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