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Hürden aller Art und Phantasievielfalt

Die Schwierigkeiten und die Einschränkungen während des Urlaubs, die die Stimmung richtig verderben und vermasseln konnten, wurden nicht weniger. Auf dem gewünschten Flughafen, Varna oder Burgas, gelandet, gab es weitere Hürden, die mehr als staatliches Bremsmanöver, weniger als Urlaubsabenteuer eingestuft werden sollten. Das liebe Geld! Das Problem der geringeren oder festgelegten „Zahlungsmittelsummen“ bei Auslandsreisen löste man mit Flexibilität und Ideenvielfalt, die die Mangelwirtschaft mit sich gebracht und „inhaltlich“ entwickelt hatte.

 

 

Zwei improvisationsreiche Erfindungen des Geldmangels im Ausland waren damals fast wie Markenzeichen des touristischen Daseins an der Schwarzmeerküste geworden: der „Schwarzmarkt“ und der Naturaltausch, die nicht staatlich kontrolliert, reguliert, oder geschützt waren, aber als zusätzliche Geldquelle hervorragend funktionierten. Gemeint waren die Produkte, die man gegen Landeswährung eintauschen bzw. verkaufen konnte. Gründlichkeit bei der Auswahl des Umtauschgutes war oberstes Gebot für jeden erfahrenden Urlauber. Dabei spielte die Nachfrage im Gastland eine entscheidende Rolle: Die Bulgaren bevorzugten Gardinen oder Trevira-Stoff, Kleidung und Lebensmittel waren in Rumänien gefragt, und den Campingkocher „Juwel“ plus Zubehör konnte man in Ungarn, am Balaton verkaufen. Ging alles gut, nützten die Einschränkungen nicht viel, denn die Möglichkeiten Geld „schwarz“ umzutauschen waren ein öffentliches Geheimnis.

 

In Varna der sogenannte „Polnische Markt“, fand jeden Tag in der Nähe vom FKK-Strand statt. Er war eine in der gesamten sozialistischen Welt bekannte wirtschaftliche Adresse. Natürlich waren die Bulgaren stolz darauf, dass der größte Schwarzmarkt im Sommer ein Bulgarischer war. Jeder hat sich aber öfters die Frage gestellt: Warum Gäste, Freunde und Kollegen, ohne bulgarischer Umtauschhilfe, nicht möglichst viel eigenes Geld in Varna ausgeben dürften? Es war für uns alle ein wirtschaftliches Rätsel, für das keine logische, vernünftige Lösung oder Erklärung gab. Das Problem Geldumtausch für den Urlaub konnte man auch am Schalter der  Staatsbank der DDR, im Vorfeld, fast legal lösen. Als bulgarische Staatsbürger durften wir uneingeschränkt DDR-Mark in die Landeswährung „Leva“, umtauschen. Dank dieser Regelung halfen wir unseren Freunden regelmäßig mit zusätzlichen Summen die Urlaubskasse zu verbessern. Als sozialistische Mitbürger aber durften wir in den anderen Ländern alle Feinheiten des Ostdaseins, ohne Ausnahme, in vollen Zügen genießen.

 

Das Gefühl ein Mensch zweiter Klasse zu sein war überall zu spüren, die flächendeckende Benachteiligung war stets gegenwärtig, egal ob man sich DDR-Bürger, Bulgare, Pole oder Ungar nannte. Unser Problem war: wir zahlten nicht mit dem „richtigen“ Geld. Nur die Russen, wenn sie es irgendwie nach Varna oder Burgas geschafft hatten, marschierten in Gruppen durch die Städte und schmorten in ihrer Selbstverherrlichung.

 

 

Der „große Bruder“, die Siegermacht von gestern, konnte es nicht anders, besonders im Urlaub in dem Süden. Eigentlich muss sich der Starke um den Schwachen kümmern und das nennt man in allen Sprachen „Solidarität“. Nichts mit „Wer zwei Hemden hat, gebe dem eines, der keines hat“. Heute kaufen die Russen, ohne mit der Wimper zu zucken die teuersten Immobilien an der Schwarzmeerküste, drücken aufs Gas, düsen in Jeeps mit vollem Karacho durch die Straßen und preschen mit dem Geländewagen durch das Land. Man fragt sich ob das angeberische Verhalten und die Wichtigtuerei, nach dem Motto „jetzt oder nie“, eine Frage der Identität oder Ausformungen der postsozialistischen Mentalität sind. Bekanntlich kann es von nichts auch nichts kommen und der Sieger, wenn auch etwas angeschlagen, bleibt Sieger. Einst waren DDR und Bulgarien von den Russen sehr begehrt: DDR als „Schaufenster“ des Sozialismus, Bulgarien als Reiseland und fast als sechzehnte Republik der UdSSR betrachtet. Sind die Begehrlichkeiten schon Vergangenheit? Nein, sie haben sich nur an der Zeit angepasst.

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